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Der letzte Mensch? Francis Fukuyama über die Zukunft der liberalen Demokratie

Ein Gespräch mit Francis Fukuyama

Am Abend des 28. September 2026 begrüßte die Konrad-Adenauer-Stiftung einen der einflussreichsten politischen Denker unserer Zeit in der ihrer Akademie in Berlin: Francis Fukuyama.

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Wie steht es um die Zukunft der liberalen Demokratie? Warum gewinnen populistische Bewegungen weltweit an Zuspruch? Und wie können offene Gesellschaften ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein vielbeachteter Gesprächsabend des Politischen Bildungsforums Berlin der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem renommierten Politikwissenschaftler und Bestsellerautor Francis Fukuyama. Begrüßt wurde er von Joachim Klose, Leiter des Politischen Bildungsforums Berlin. Die Einführung übernahm der Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Norbert Lammert.

Bereits zu Beginn stellte Lammert die Diskussion in einen größeren historischen Zusammenhang. Seit mehr als drei Jahrzehnten verbinde sich die Analyse globaler Entwicklungslinien „mit kaum einem anderen Namen mehr als mit Francis Fukuyama“.

Dabei erinnerte er daran, dass Fukuyamas weltbekanntes Werk The End of History and the Last Man häufig missverstanden worden sei. Die zentrale Frage sei nie gewesen, ob Geschichte endet, sondern wie widerstandsfähig liberale Demokratien langfristig bleiben. Schon Anfang der 1990er Jahre habe Fukuyama auf potenzielle Erosionserscheinungen freiheitlicher Gesellschaften hingewiesen. Besonders eindringlich zitierte Lammert einen Satz aus dem Werk, der angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen bemerkenswert aktuell erscheine:

„Die Erfahrung lehrt, dass Menschen, die für die gerechte Sache nicht mehr kämpfen können, weil diese bereits in einer früheren Generation gesiegt haben, gegen die gerechte Sache kämpfen.“

Lammert verband diesen Gedanken mit den gegenwärtigen Herausforderungen westlicher Demokratien und verwies auf die sichtbar gewordenen „Bruchlinien, Risse, Herausforderungen und Erosionen“ liberaler Demokratien in Europa und den Vereinigten Staaten.

Ausgangspunkt des anschließenden Gesprächs war Fukuyamas aktuelles Buch Der letzte Mensch – Wohin steuert die Welt?, in dem er zentrale Gedanken seines früheren Werkes aufgreift und vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen neu bewertet.

Warum Demokratien unter Druck geraten

Fukuyama sieht die liberalen Demokratien weltweit mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Die Ursache liege jedoch nicht darin, dass autoritäre Systeme inzwischen ein überzeugenderes politisches Modell anzubieten hätten. Vielmehr schwinde in vielen Ländern das Vertrauen in die Fähigkeit demokratischer Institutionen, konkrete Probleme wirksam zu lösen.

Als Beispiele nannte er langwierige Infrastrukturprojekte, Wohnungsmangel in Metropolregionen sowie eine zunehmende Überregulierung staatlicher Entscheidungsprozesse. Viele Bürger hätten den Eindruck, dass demokratische Systeme zwar diskutieren, aber immer seltener liefern. Gerade dieses Gefühl trage zum Aufstieg populistischer Kräfte bei.

Demokratien müssten daher wieder stärker beweisen, dass sie handlungsfähig sind und ambitionierte politische Vorhaben erfolgreich umsetzen können. Für Fukuyama ist nicht die liberale Demokratie selbst das Problem, sondern eine über Jahre gewachsene Verfahrens- und Regulierungskultur, die kollektives Handeln zunehmend erschwere.

Anerkennung als politische Schlüsselfrage

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war die Frage gesellschaftlicher Anerkennung.

Fukuyama argumentierte, dass viele Bürgerinnen und Bürger das Gefühl hätten, von politischen, medialen und gesellschaftlichen Eliten nicht ernst genommen zu werden. Besonders Menschen außerhalb urbaner und akademisch geprägter Milieus empfänden häufig einen Mangel an Respekt und gesellschaftlicher Wertschätzung. Dieses Gefühl der Missachtung sei zu einer wichtigen Triebkraft populistischer Bewegungen geworden.

Damit knüpfte er an sein Konzept der „Politik der Anerkennung“ an, das bereits in seinem Buch Identity eine zentrale Rolle spielt. Für stabile Demokratien sei nicht allein materieller Wohlstand entscheidend. Ebenso wichtig sei das Gefühl, gehört, respektiert und als gleichwertiger Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Politiker müssten deshalb wieder besser zuhören und die tatsächlichen Sorgen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen ernst nehmen.

Identität und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Ein weiteres zentrales Thema war die Frage nach den Quellen gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Fukuyama betonte, dass Demokratien mehr benötigten als funktionierende Institutionen und wirtschaftlichen Erfolg. Sie seien auf gemeinsame Werte, verbindende Narrative und ein gemeinsames Verständnis politischer Zugehörigkeit angewiesen. Gesellschaften brauchten eine Form gemeinsamer Identität, die Menschen über soziale, kulturelle oder regionale Unterschiede hinweg miteinander verbinde.

Mit Blick auf Deutschland erinnerte Fukuyama an frühere Debatten über eine liberale nationale Identität und unterstrich, dass jedes demokratische Gemeinwesen eine gemeinsame Erzählung benötige, die Orientierung stifte und Zusammenhalt ermögliche. Führung könne solche Narrative nicht vollständig von oben verordnen, sie könne jedoch dazu beitragen, sie zu fördern und ihnen Richtung zu geben.

Migration, Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Demokratie

In der lebhaften Diskussion mit dem Publikum wurden zahlreiche weitere Themen aufgegriffen, darunter Migration, Künstliche Intelligenz, die Rolle Europas in der internationalen Ordnung sowie die Herausforderungen durch autoritären Populismus.

Mit Blick auf Migration betonte Fukuyama, dass liberale Demokratien selbstverständlich das Recht hätten, über Einwanderung und Staatsgrenzen zu entscheiden. Die universelle Gleichheit aller Menschen bedeute nicht die Auflösung nationalstaatlicher Verantwortung oder demokratischer Souveränität. Gleichzeitig komme es darauf an, die Balance zwischen Offenheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt zu wahren.

Bei der Diskussion über Künstliche Intelligenz warnte er vor einer vorschnellen Übertragung politischer Entscheidungsbefugnisse auf intelligente Systeme. KI könne Menschen unterstützen, grundlegende politische Entscheidungen müssten jedoch weiterhin von verantwortlichen Akteuren getroffen werden. Die Technologie werfe erhebliche gesellschaftliche und demokratische Herausforderungen auf, deren Folgen bislang nur unzureichend absehbar seien.

Keine überzeugende Alternative zur liberalen Demokratie

Trotz aller Herausforderungen zeigte sich Fukuyama am Ende des Abends bemerkenswert zuversichtlich.

Mehr als drei Jahrzehnte nach seinem berühmten Essay über das „Ende der Geschichte“ sehe er weiterhin kein alternatives politisches Modell, das eine überzeugende und universell attraktive Alternative zur liberalen Demokratie darstelle. Probleme und Fehlentwicklungen seien offensichtlich. Gleichwohl habe bislang niemand eine höhere oder bessere Form politischer und gesellschaftlicher Organisation vorgelegt.

Die eigentliche Aufgabe bestehe daher nicht darin, nach einem völlig neuen System zu suchen. Vielmehr müssten demokratische Institutionen erneuert, ihre Leistungsfähigkeit gestärkt und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückgewonnen werden.

Die intensive Diskussion mit dem Publikum machte deutlich, wie aktuell Fukuyamas Analysen geblieben sind. Fragen nach Populismus, Migration, gesellschaftlichem Zusammenhalt, staatlicher Handlungsfähigkeit und der Zukunft liberaler Demokratien gehören weiterhin zu den zentralen politischen Herausforderungen unserer Zeit. Und sie führen letztlich zurück zu jener Leitfrage des Abends:

Wohin steuert die Welt?

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