Am 19. Mai 2026 präsentierte die Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit dem ZDF die Terra X History-Dokumentation „Kriegstüchtig? 70 Jahre Bundeswehr“ als exklusive Vorpremiere. Zu Beginn begrüßte Dr. Michael Borchard, Leiter Wissenschaftliche Dienste/Archiv für Christlich-Demokratische Politik der KAS, das Publikum und führte aus, unter welch schwierigen Bedingungen die Bundeswehr vor 70 Jahren gegründet worden war. Zu den Herausforderungen gehörten die Akzeptanz der Bundesrepublik als Partner auf Augenhöhe im westlichen Bündnis, fehlende Ausrüstung sowie die ablehnende öffentliche Meinung. Adenauer habe den Aufbau dennoch vorangetrieben, denn er wusste: „In einer Welt der Gewalt wäre der Pazifismus Selbstmord und kein Dienst am Frieden.“ Die anschließende Dokumentation erzählte die Geschichte der Bundeswehr weiter - von der Zeit der deutschen Teilung bis zur „Zeitenwende“. Der Film stellte dabei gezielt die Perspektiven von ehemaligen und aktiven Soldatinnen und Soldaten in den Vordergrund.
Das nachfolgende Podiumsgespräch, moderiert durch den Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, Stefan Brauburger, eröffnete der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Henning Otte, mit einem Hinweis auf die aktuelle sicherheitspolitische Zeitenwende. Er betonte, dass sich die Bundeswehr in einem grundlegenden Transformationsprozess befinde: Sie müsse sich „von einer Einsatzarmee schnell wieder auf Bündnisverteidigung umstellen“. Angesichts der Zunahme hybrider Bedrohungen, etwa durch Sabotage oder Spionage, spiele auch die Gesamtverteidigung eine zentrale Rolle – also die Verbindung von äußerer Abschreckung und Heimatschutz. Hiermit verband er die Forderung an die Politik, sie müsse der Bevölkerung in Bezug auf die Bedrohungslage „jetzt reinen Wein einschenken“. Rückblickend auf den Afghanistan-Einsatz habe es die Politik nicht geschafft, die Ziele und Umstände dieses Auslandseinsatzes gegenüber dem Volk zu erklären.
Prof. Dr. Sönke Neitzel von der Universität Potsdam unterstrich die Notwendigkeit von Strukturreformen beim Wiederaufbau militärischer Fähigkeiten. Als Historiker erinnerte er daran, dass der Aufbau der Bundeswehr Jahrzehnte gedauert hatte. Heute jedoch bestehe enormer Zeitdruck: „Das System ist auf Langsamkeit gebaut – aber diese Zeit haben wir nicht mehr.“ Zugleich äußerte er Zweifel an der Reformfähigkeit bestehender Strukturen. Die Bundeswehr, eine „vollendete Karikatur der deutschen Bürokratie“, müsse schnellstmöglich in eine innovative Institution umgebaut werden. Zuletzt kritisierte Neitzel Defizite in der politischen Kommunikation. Am Beispiel Afghanistan zeigte sich, wie fehlende Transparenz zu einem Verlust gesellschaftlicher Akzeptanz geführt habe. Dabei habe die Zeitenwende-Rede gezeigt, dass wenn Politik ein klares Argument mache, eine Mehrheit diesem folgen würde.
Die Afghanistan-Veteranin Prof. Dr. Daniela Klix brachte die Perspektive von Soldatinnen und Soldaten in die Diskussion ein. Sie schilderte, dass viele Einsatzkräfte – insbesondere im Afghanistan-Einsatz – mit einem Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung konfrontiert gewesen seien. Stattdessen sei ihnen mitunter entgegengebracht worden, sie hätten sich ihr Schicksal „selbst ausgesucht“. Dieses Mindset müsse hinterfragt werden, da Sicherheit und Wohlstand keine Selbstverständlichkeit seien, sondern auch von der Bundeswehr mitgetragen würden. Erfreulicherweise könne derzeit eine positive Entwicklung beobachtet werden, erzählte der Autor des Films, Jörg Müllner. Alle Männer und Frauen der Bundeswehr, die für die Dokumentation befragt wurden, hätten von einer deutlich gestiegenen Akzeptanz der Streitkräfte in der Bevölkerung berichtet.
Vor diesem Hintergrund wurde auch über die Rückkehr zur Wehrpflicht diskutiert. Neitzel zeigte sich überzeugt, dass grundsätzlich genügend Menschen bereitstehen würden – sofern die Politik passende Rahmenbedingungen schaffe. Klix verwies zugleich auf bestehende Vorurteile gegenüber Frauen in der Truppe und sprach sich für eine allgemeine Wehrpflicht für beide Geschlechter aus. Otte ergänzte, dass Verteidigung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden müsse. Nicht nur der militärische Dienst, sondern auch zivile Beiträge – etwa im Katastrophenschutz – seien Teil einer modernen Gesamtverteidigung.
Zum Abschluss appellierte Otte erneut an die Politik, ihrer Verantwortung gerecht zu werden: „Die Soldaten schwören und legen einen Eid ab, bereit zu sein, alles zu geben – Leib und Leben. Dann muss die Politik auch bereit sein, ihr Bestes zu geben.“
In der Fragerunde brachten insbesondere Schülerinnen, Schüler sowie Studierende zahlreiche kritische Fragen ein, etwa zum Umgang mit Rechtsextremismus in der Truppe und dazu, ob junge Menschen nicht doch künftig zum Dienst an der Waffe verpflichtet werden könnten. Die Panelisten verwiesen auf die demokratische Kontrolle der Bundeswehr, das Konzept der inneren Führung und unseren starken Rechtsstaat, um solche Bedenken auszuräumen.Themen
Über diese Reihe
Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.